Luren - Musikinstrumente unserer Vorfahren
Lurenwerkstatt
Lurenwerkstatt

Luren gehören zu einem der compliziertesten Produkte bronzezeitlicher Gießereikunst aus der Zeit zwischen 1500 bis 500 v.Z. Das dänische Wort Lure bezeichnet ganz allgemein ein Blasinstrument; weil dort die meisten Funde dieser schönen und reichverzierten Musikinstrumente gefunden wurden, übernahm die Wissenschaft den dänischen Ausdruck. Der Name Lure wurde dort bereits im 19. Jh. Aus den nordischen Sagas und Saxos Geschichte Dänemarks, in denen öfter von Lur als einer Kriegstrompete die Rede ist, übertragen.

In Dänemark wurden bisher 35 Exemplare entdeckt, darunter auch das Vorbild der im Museum für Vor- und Frühgeschichte zu Berlin befindlichen Nachbildung eines Fundes von 1797 in einem Torfmoor bei Brudevälte. Weitere elf Luren fanden sich in Schweden, vier in Norwegen, fünf in Nordeutschland und einige weitere im Baltikum. Die Funde stammen außchließlich aus Mooren. Einige wurden zu Füßen eines mächtigen Steinblocks, teils vollständig, teils auch beschädigt gefunden. In einigen Fällen fanden sich bei ihnen menschliche und tierische Knochen, ein Fund enthielt zudem zwei Schwerter und einen Schild.

Musik war für die Bronzezeit nichts Neues, denn bereits aus der Steinzeit der nordischen Kultur kennen wir sowohl die Trommel als auch das Saiteninstrument. Und auch damals im 3. Jtsd. war dieses keine Neuheit, denn schon aus früheren Zeiten wurde nach Trommelrhythmus getanzt, wie dies Kulttänze eiszeitlicher Felsbilder zeigen oder wie dies Fußspuren deutlich werden ließen, die man um Plastiken in eiszeitlichen Höhlen Südfrankreichs (Tuc d'Audoubert) fand.

Im 2. Jtsd. kommt bei unseren Vorfahren das Blasinstrument, die Lure, dazu, deren Entwicklung bedeutendes technisches Können und mathematischen Willen voraussetzen. Zuerst hatte man Rinderhörner, die nur einen oder wenige Töne erzeugen können, benutzt. Bald wurden Schallausgang und Mundstück am Horn aus Metall angesetzt. Bereits zwischen 1800 und 1600 v.Z. finden wir die ersten Blashörner ganz aus Metall. Sie haben noch vollständig die Form ihrer Vorläufer, manchmal befanden sich am oberen Ende und in der Rohrmitte Ösen, an denen eine Tragkette befestigt war. Steckte man nun zwei Tierhörner oder mehr ineinander, so war die Folge, daß man mehrere Töne blasen konnte, denn Mündungsdurchmesser, Länge des Rohres und Durchmeßer des Mundstückes bestimmen Tonlage und Zahl der Töne. Solche aneinandergesetzte Hörner stellen gewißermaßen die aus Bronze gegossenen Luren dar.


Lure von Brudevaelte
Lure von Brudevaelte

Man fand die Instrumente zu zweit, zu viert oder zu sechst als Weihegabe an die Götter niedergelegt. Die zusammen niedergelegten Instrumente waren stets harmonisch aufeinander abgestimmt und gehörten paarweise zueinander. Viele sind so gut erhalten, daß man sie noch heute blasen kann, wie es alljährlich zur Sommersonnenwende abends vom Dach des Nationalmuseums in Kopenhagen und auch während der Neujahrsnacht in Form eines Lurenconcertes auf dem Rathausturm von Kopenhagen geschieht.

Allein die Abstimmung der Instrumente aufeinander zeigt, daß man von den Voraussetzungen für die musikalischen Eigenschaften eines Instrumentes Kenntnis hatte und diese bestimmen konnte. Die Schallscheiben an der Mündung des langen, sich verbreiternden und aus einem seitlichen Schwung weit über den Kopf des Musikers sich ziehenden Rohres sind schön mit concentrischen Kreisen oder mit Buckeln verziert und dienen zur Verstärkung des dadurch auch voller klingenden Tones. Die Tonfarbe und der Klang der Luren ist unseren Waldhörnern recht ähnlich. Die zahlreichen Töne der Luren sind - wie sich Besucher des Museums in Heide überzeugen können - sehr leicht zu blasen und damit ist das Spielen vielfältiger Musikstücke möglich.

Da die Luren wie auch die genannten Waldhörner keine Klappen haben, geben sie die Naturtonreihe wieder:

Ton                   -                          Schwingungsverhältnis

c 3                                                 16

c2 d2 e2 f2 (fis) g2 a2 b2 h2      8:9:10:11:12:13:14:15

c1 e1 g1 b                                     4:5:6:7

c g                                                 2:3

c1                                                  1

Der Tonumfang wird von der Größe, nicht von der Form des jeweiligen Instrumentes bestimmt. Gibt man einem Musiker, der noch nie eine Lure gespielt hat, ein solches Instrument in die Hand und bittet ihn, einmal das zu blasen, was das Instrument am leichtesten hergibt, so kommen alte Jagdsignale, die seit uralter Zeit in Gebrauch sind, wie "Aufbruch zur Jagd", "Hirsch tot!", "Bär tot", Es soll damit nicht gesagt sein, daß diese Signale wirklich in früherer Zeit geblasen wurden, aber sicher besteht eine gewisse Ähnlichkeit wie auch Hörner beweisen, die sich nur zu einem solchen Zweck benutzen lassen. Es bestand wohl ein Bedürfnis zu Signalen und zwar in einem solchen Maße, daß so vollkommen entwickelte Instrumente das Schlußglied einer Entwicklung bilden konnten.

Bereits 1947 wurden experimentell elf dänische Luren auf ihre Klangmöglichkeiten hin untersucht. Die besonders großen Exemplare von Brudevaelte konnten 14 Töne über 4 Oktaven wiedergeben. Heutige Musiker konnten mit den authentischen, durch geringfügige Reparaturen wieder spielbar gemachten Luren complicierte Stücke wie Bläsermotive aus Wagners "Fliegendem Holländer", Jagdsignale und Märsche hervorbringen. Zwischen den einzelnen Luren lassen sich Klangunterschiede feststellen, die von sonor bis schmetternd reichen. Die in Paaren gefundenen Instrumente entsprechen sich in Tonumfang und Einstimmung und wurden wohl zusammen oder zweistimmig gespielt.

Zusätzliche Geräusche werden durch dreieckige oder längliche Klapperbleche verursacht, die an den Rückseiten der Schallscheiben sowie an den Mundstücken angebracht sind und beim Schütteln der Luren rasseln.

Darstellungen von Kultscenen, bei denen auf Luren geblasen wird, sind uns mehrfach erhalten. Schon aus der Bronzezeit gibt es Darstellungen von Lurenbläsern. Auf einigen Steinplatten des großen Fürstengrabes von Kivik in Südschweden treten sie zusammen mit anderen Musikanten bei einem feierlichen Umzug, einer Opferhandlung oder einem Tanz auf.


Stein von Kivik
Kultbild von einem Wandstein des Kivik-Grabes/Schweden: obere Reihe - Feuerbohren unter Musikbegleitung, mittlere Reihe - acht Priester am Opferkessel,untere Reihe - Gefangene.

In der schwedischen Provinz Bohuslän wurden zahlreiche Felsritzungen aus dieser Zeit gefunden, wo ebenfalls Lurenbläser vorkommen, die sich, wie bei einem Bild von Tanum, sogar an Bord von Schiffen befinden können.


Felsbild von Tanum
Tanum: Vier Lurenbläser stehen um ein Schiff mit einem Baum

Die complicierten Herstellungsmethoden der Luren wurden bereits 1912 aufgrund des in Daberkow/Mecklenburg gefundenen und seit 1945 verschollenen Lurenpaares vom Berliner Archäologen Hubert Schmidt (Die Luren von Daberkow, Kr. Demmin, Prähistorische Zeitschrift 7/1915) analysiert und beschrieben. Die Luren der älteren Zeit waren dünner und länger. Das Rohr bestand aus zwei und mehr Teilen, die an den Enden mäanderförmig eingeschnitten und miteinander verzahnt waren. Durch ein Umspülen der Nahtstelle mit flüssigem Metall erfolgte eine zusätzliche Lötung. Auch das Mundstück wurde seperat gegoßen und konnte in das Schallrohr eingeschoben werden. Dieses endete in einer großen, durch gepunzte Buckel verzierten Scheibe, die man über die Schallöffnung stülpte.

Das gesamte Rohr wurde beispielsweise aus sechs Teilen zusammengesetzt, die einzeln gegossen wurden. Die Dünnheit der Wände hat sich bei modernen Versuchen selbst mit technisch so vorgeschrittenen Verfahren wie Sturzguß nicht erreichen lassen. Bei den Fundstücken sind die Rohrwände 0,75 mm und noch dünner. Zunächst wurde eine Tonkernform genau in der Größe und Gestalt des Röhrenraumes angefertigt; darüber wurde dann die Model des Rohres aus Wachs gelegt, also das Urbild der späteren Bronzerohrwände. Über diese Wachsmodel wurde dann ein Tonmantel gegeben. Um beim Brennen der Tonform, wobei die Wachsmodel ausschmolz, und um auch nachher beim Guß selbst den Kern und den Mantel in der richtigen Lage zueinander zu halten, wurde der innere Lehmkern und der äußere Lehmmantel durch Bronzestifte miteinander fest verbunden. War dann das Rohrstück gegoßen und aus der "verlorenen Form" gebracht, so wurde das Ende des Rohrstückes in mäanderförmiger Windung ausgelappt und das Anschlußstück entsprechend. Beide Enden wurden vermittels eines Zwischenstückes vergossen.

Ab etwa 800 v.Z. trat neben die Rohrverbindung durch Mäanderverzahnung eine neue Technik. Die Rohrteile wurden gerade abgeschnitten, aufeinander gepaßt und mit einem aufgegossenen Bronzering (Ringanker) zusammengeschweißt. In die ineinandergepaßten Rohrteile, die an den Enden durch Einschläge Vertiefungen zum "Verankern" des Verbandes erhielten, wurde ein Stützkern aus Ton eingeschoben, dann über die Fugstelle die Model des Ringankerverbandes aus Wachs gelegt und diese wieder mit einem Mantel aus Ton umgeben. Nach Außchmelzung der Model wurde in die Form so lange flüssiges Metall eingeführt und damit die Rohrteile umspült, bis sie weich wurden und zu schmelzen begannen. In diesem Augenblick ließ man den Einguß aufhören und das Ganze vergoß sich zu einer Masse. Die ehemaligen Fugen sind in dem Original nur noch an einzelnen Stellen zu bemerken.Die Bronzegießermeister verfügten über die Kenntnis verschieden hoher Schmelzpunkte von Metallegierungen je nach dem Zinnzusatz. Je mehr Zinn, desto niedriger der Schmelzpunkt. Sollten die Bronzestücke zwischen Kern und Mantel beim Guß halten, so mußte deren Schmelzpunkt höher liegen als der Schmelzpunkt der Legierung der Rohrwände. Sollten andererseits die Rohrwände den Umguß des Ringankerverbandes aushalten und nicht schmelzen, so mußte dessen Schmelzpunkt wiederum niedriger liegen. Die Untersuchungen ergaben für die einzelnen Teile (Erich Becker, 1936, Von der Gußtechnik der nordischen Bronzezeit, Vereinigte Stahlwerke):

Bronzestützen: 6% Zinn, 94% Kupfer;

Rohrwand: 13,5% Zinn, 86,4% Kupfer;

Ringanker: 17% Zinn, 83% Kupfer.

Die Zierscheiben an den Schallöffnungen der Luren wurden nun durch gegossene Hohlbuckel geschmückt.

In der letzten Entwicklungsphase, dem Zeitraum von 700 bis 500 v.Z., waren die Luren am prächtigsten und in ihren Teilen ausschließlich durch Ringverschlüsse miteinander verbunden. Die sehr dünnen, bruchgefährdeten Mundrohre wurden häufig zusätzlich durch einen eingeschobenen Zylinder stabilisiert. Da die Luren im Laufe ihrer Entwicklung immer länger und schwerer geworden waren, war es sinnvoll, sie beim Transport auseinandernehmen zu könen. Deshalb konstruierte man die Teilstücke so, daß sie ineinandergesteckt werden und außen mit einem durch zwei aufeinanderliegende Ösen geschobenen Pflock vor dem Verrutschen geschützt werden konnten. Bei einigen Instrumenten löste man dieses Problem auch durch die Anbringung einer dreieckigen Verdickung an dem einschiebbaren Teil, die in einer Öffnung des darüberzuschiebenen Stückes festgeklemmt werden konnte.


Lurenbläser
Lurenbläser

Die schrittweise Vervollkommnung im Instrumentenbau der Bronzezeit mit ihrer tausendjährigen Entwicklung setzt eine feste Tradition und einen festgefügten Handwerkerstand mit Specialkenntnissen voraus. Eine Berufsgruppe der Lurengießer muß es daher sogar innerhalb der Bronzegießer schon gegeben haben, denn nur lange Lehrjahre konnten bei dieser schwierigen Technik zum Erfolg führen, möglicherweise liegt darin bereits der Beginn des Zunftwesens. Gleichzeitig zeigt sich die hohe Bedeutung der Musik für unsere Vorfahren, die über die allgemeine Daseinssicherung hinaus hierfür soviel Zeit, Können, Scharfsinn aufboten

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